Die drei ragazzi

Eine Jugenderinnerung

von Michael Zeller

Michael Zeller - Foto © Ryszard Kopczynski
Die drei ragazzi

Eine Jugenderinnerung
 
Ein Sommermittag in der sonnendurchglühten Toskana. Der Linienbus soll mich von Florenz zur Autostrada Richtung Süden befördern. Rom ist mein Ziel. Es geht über Zypressenhügel und durch belebte Dörfer, als der fettleibige Busfahrer irgendwo wortlos die Braue lupft, hier möge ich aussteigen. Ich raffe Rucksack, Koffer und Fototasche, bedanke mich und stehe im heißen Straßenstaub. Die Tatenlosigkeit während der Busfahrt fordert Ausgleich: Bewegung, Initiative, vorwärts aus eigener Kraft. Doch nach einem Kilometer vielleicht wächst der Druck des Gepäcks auf den Schultern, und angesichts des merkwürdig spärlichen Verkehrs werde ich Schritt für Schritt kleinmütiger. Drei ragazzi zu Rade klären mich auf: In dieser Richtung sei weit und breit keine Autostrada, das hier sei die Landstraße nach Siena. Ich sei zwei Stationen zu spät ausgestiegen. Verbittert kehre ich um, mehr als zwei Kilometer vor mir mit all dem verdammten Gepäck in der Mittagsglut und beschwert oder erleichtert von dem Haß auf diesen bornierten Fahrer, den Zeus strafen möge in seiner vollgefressenen Blödheit, in seiner Berufsstupidität oder in seiner Abneigung gegenüber Menschen, die von ihm abhängig sind. Dieses übersättigte italienische Nilpferd soll der Orkus verschlingen samt seinem Bus und der ganzen Toskana!
     Mit schweißnaß umwölkter Stirn stapfe ich meines Weges, überreiße, daß die Strecke in gut einer haIben Stunde zu schaffen sei, nehme wieder Umweltkontakt auf mit Feld, Getier und Mensch, genieße meine Fremdheit in den erdverwachsenen Augen der rastenden Bäuerinnen am Straßenrand. Und doch ist diese Ruhe nur eine dünne Schicht über dem nagenden Harm, über diesem herzlichen Zorn auf eine Menschheit, die sich in diesem Fahrer so unspektakulär und alltäglich verwirklicht hat.
     Da halten Fahrräder vor mir: die drei ragazzi von vorhin. Sie haben ein viertes Rad dabei, das über einen mächtigen Gepäckträger verfügt, und auf dem schwankenden Gefährt geht es munter über Hügel und Tal, die Seele frohlockt und die Fratze des Fahrers verblaßt hinter den fröhlichen Gesichtern der drei Buben und ihrer hilfsbereiten Geste, die halb aus der Langeweile der Mittagsstunde geboren ist, halb aber auch aus spontaner Anteilnahme an einem fremden Schicksal und einer kleinen Sehnsucht vielleicht.
     So sind wir, gut und schlecht, verführbar vom Berufstrott wie vom Müßiggang, satt, rülpsend mißmutig und neugierig, aufgeweckt und faszinierbar von Ungewöhnlichem. So sind und so bleiben wir, du und ich. So hält sich die Waage unserer Möglichkeiten durch die Jahrhunderte in einem heiklen Gleichgewicht.

 
© Michael Zeller - Geschrieben 1970