Gro├čer russischer Konzertabend

Toshiyuki Kamioka dirigiert Werke von Peter I. Tschaikowski, Sofia Gubaidulina und Alexander Skrjabin

von Peter Bilsing

Großer russischer Konzertabend
in der Wuppertaler Historischen Stadthalle
 
Werke von Peter I. Tschaikowski, Sofia Gubaidulina
und Alexander Skrjabin
 
 
„Der Geist, vom Lebensdurst beflügelt, schwingt sich auf zum kühnen Flug ...
Und es hallte das Weltall vom freudigen Rufe: Ich bin !“ (Alexander Skrjabin, 1906)
 
 
Skrjabins Sinfonie Nr.4 gehört zu den besetzungsmäßig gigantistschen Werken des 20. Jahrhunderts. Sie kann trotz der Kürze von nur rund 20 Minuten Mahlers Sinfonie der Tausend, der Strauss´schen Alpensinfonie bzw. George Antheils Werken, den großen Schostakowitsch-Sinfonien und den Monstersinfonien von Havergal Brian bzw. der Vierten von Charles Yves (benötigt immerhin zwei Subdirigenten!) durchaus Paroli bieten.
 
Die Aufführung dieser Konzertrarität ist stets ein Ereignis, ein ungemein beeindruckendes Erlebnis fürs Konzert-Publikum und erfordert aufwendiges Proben - Probenzeit, die dem Concerto „Populare“ Nr.1 von Tschaikowski mit dem Jungstar Yevgeni Sudbin am Piano Forte im selben Programm hörbar fehlte. Doch Schwamm über das durch allzuviel Mißbrauch in der Werbung leider zum Kurkonzertwerk degenerierte, jedoch weltweit beim Publikum beliebteste Klavierkonzert.
Kein Verlust, denn das Wuppertaler Orchester spielte sich dann im zweiten Teil des Abends regelrecht in einen „Rausch“ (wie eine Kollegin sehr reffend bemerkte) - ich würde sogar von einem Weltklasse-Rausch sprechen. Bravi tutti!
 
Vorangegangen war ein Kleinod zeitgenössischer Komponierkunst, ein Juwel, nämlich Sofia Gubaidulkinas „Märchen-Poem“ - ein traumhaft schönes ppp Stück, ideal als Konzertintermezzo und so exzellent dirigiert und vom Orchester traumwandlerisch konzentriert, sicher und sensibel umgesetzt, daß selbst der ansonsten immer friedliche sich zurück- und enthaltende Opernfreund-Kritiker P.B. am Ende lauthals bravierte. Natürlich zum erwarteten Entsetzen der vor mir sitzenden älteren Wuppertaler Musikfreunde, die sich mit verachtendem Entsetzen im Blick und kopfschüttelnd wohl innerlich empörten...
Selbstredend hielten sich diese - sich allerdings wirklich in der Minderheit befindenden „Musikkenner“ dann bei der folgenden skrjabinschen Gewaltorgie demonstrativ die Ohren zu oder schalteten ihre Hörgeräte ab. Insgesamt aber ist das Wuppertaler Konzert-Publikum (ganz im Gegenteil zur z.B. hochblasierten Düsseldorfer Huster und Schwätzer-Operngemeinde) absolut konzentriert bei der zugegebenermaßen nicht leichten Materie. Viel Beifall.
 
Doch Orchesterleiter Toshiyuki Kamioka, den ich persönlich für einen der Spitzendirigenten in Deutschland halte, hatte natürlich noch ein Bonbon für all die Geschädigten quasi als Zugabe und Heimkehrohrwurm parat: eine der wunderschönsten Melodien, die je komponiert wurden, nämlich einen musikalischen Traum, den Grand Pas de deux (Op.71 - Nr.14) aus Tschaikowskis „Nussknacker“. Gespielt im perfekten (natürlich sonst unüblichen) Klangrausch eines annähernd 140 Musiker zählenden Riesenklangkörpers - brillant, himmlisch, geradezu außerirdisch schön.
Was für ein grandioser Konzertabend. Dank an den Chefdirigenten auch für die außerordentlich intelligente und bravouröse Zusammenstellung.
 
Redaktion: Frank Becker