Klangwelten der Bescheidenheit

Andullah Ibrahim mit der Urauff├╝hrung seines "African Concerto" in Essen

von Peter Bilsing

www.musenblaetter.de

Klangwelten der Bescheidenheit:
Abdullah Ibrahim

African Concerto – „A Journey“ für Jazz-Trio und Orchester -

denkwürdige Konzert-Uraufführung in der Essener Philharmonie am 15.4.2008


„Musik hat mein Leben gerettet.“ (Abdullah Ibrahim)

Wenn man über einen Konzertabend des großen Künstlers Abdullah Ibrahim, einer der stärksten Persönlichkeiten unserer globalen Musikwelt berichtet, wäre es fahrlässig, seinen Lebenslauf und Werdegang auszublenden, der entscheidenden Einfluß auf das hatte, was gestern Abend in der leider nur halbvollen Essener Philharmonie zu hören war. Zu berichten ist über einen einmaligen und sagenhaften Konzertabend, den man nicht vergißt. „Aus einem Konzert von Ibrahim geht man anders wieder raus, als man reingekommen ist“, schrieb ein Kollege. Man möchte man das auf ähnliche Art bestätigen. Liegt es an der charismatischen, man möchte beinahe sagen fast messianischen Ausstrahlung eines Mannes, der nicht nur optisch an Nelson Mandela erinnert, oder an Form und Vortrag einer Musik, die ob ihrer Originalität, Schönheit und Kreativität fast überrumpelt? Oder ist es die Bescheidenheit mit der sich hier ein großer Künstler seiner musikalischen Idee, seinem genialen Klangkonzept und Idealismus fast schon subkutan unterwirft? Ein Mann der Musik spielt für die es keine Worte gibt; es sind Klangwelten der Bescheidenheit

Zum Komponisten: Wer ist dieser Abdullah Ibrahim - geb. am 9. Oktober 1934 in Kapstadt als Adolph Johannes Brand? Bevor er seinen heutigen Namen mit der Konversion zum Islam annahm, wurde er „Dollar Brand“ genannt, weil er in jungen Jahren jeden Dollar zusammenkratzte, um von den Seeleuten in Kapstadt Jazzplatten zu kaufen. Er wuchs in einem der elendesten Schwarzen-Ghettos auf und erlebte schon relativ früh die Ermordung seines Vaters und einiger seiner engsten Freunde.

Über die afroamerikanische Mission kam er neben den üblichen Spirituals und Gospels auch mit dem Jazz seiner Zeit - hier dem Bebop eines Charley Parker bzw. Thelonious Monk - in Kontakt. Mit der Gründung seiner ersten Band, den „Jazz-Epistols“, gelang ihm die musikalisch kühne Verbindung des „American Jazz“ mit den Wurzeln ur-afrikanischer Musik. Seinen so apostrophierten „Sound of Freedom“ empfanden viele Zeitgenossen als Antwort auf die mörderische Apartheid-Politik. Aus seinem Zusammentreffen und der Zusammenarbeit mit Größen seiner Zeit; u.a. Hugh Masekela, Kippie Moeketsie, Jonas Quanga, Miriam Makeba und Johnny Gertze, entsprangen erste Schallplattenaufnahmen, die aufhorchen ließen.

Im selbstgewählten Exil in Zürich begegnete er Duke Ellington, seinem zukünftigen Förderer und engen persönlichen Freund, der ihn mit fast allen Giganten seiner Zeit zusammenbrachte: John Coltrane, Ornette Coleman, Elvin Jones und Gato Barbieri sind nur einige, mit denen er intensiv zusammenarbeitete.

Als Ibrahim in den 70ern nach Kapstadt zurückkehrte, entstand seine Komposition „Manenberg“ (real: der Name eines Townships), welche sich schnell während des Apartheidsregimes zur inoffizielle Nationalhymne der unterdrückten farbigen Bevölkerung Südafrikas entwickelte. Sein persönlicher Stil, als „Modern Creative“ bezeichnet, ist ein Jazzstil, der Ausrichtungen des modernen Jazz wie Fusion, Bop und Freejazz mit Elementen aus zeitgenössischen Stilen wie Funk, Pop und Rock kombiniert, aber auch durchaus klassische Einflüsse der E-Musik oder Tanzmusik enthält. Im Gewölk des Freejazz erhebt es einen eigenen Kunstanspruch und vertritt gleichfalls eine anti-kommerzielle Haltung. Man steht zwar in der Tradition, arbeitet aber auch freie Spielweisen in strukturierte Formen ein.

Ibrahim wurde zum Reisenden zwischen den Kontinenten. Immer wieder kehrte er in seine Heimat zurück. 1976 organisierte er - kurzzeitig in Südafrika - mehrere einflußreiche, im Untergrund vertriebene Platten, aber auch ein Jazzfestival, das die Apartheid-Gesetze ignorierte. 1977 siedelte er in die USA über. 1982 präsentierte er in Europa seine Kalahari Liberation Opera. 1993 kehrte er nach Kapstadt zurück, wo er die südafrikanische Jazzszene maßgeblich beeinflußte. Abdullah Ibrahim schuf auch preisgekrönte, atmosphärisch dichte Filmmusiken. Wiederholt hat er mit Big Bands und Sinfonieorchestern zusammengearbeitet. Aus der Kooperation mit Daniel Schnyder, der seine Kompositionen orchestrierte, entstand 1997 die "African Suite" für Jazztrio und Sinfonieorchester. In dieser Saison ist der Meisterpianist, der auch verschiedene andere Instrumente beherrscht, Residence-Composer der Philharmonie Essen und stellt dabei auch neue Werke vor.

Heuer gab es eine Uraufführung: African Concerto – „A journey“ for Jazz-Trio & Orchestra (in der Orchestrierung von Steve Gray). Begleitet von den Mitgliedern seines Trios (Belden Bullock/Baß und George Gray/Schlagzeug) und dem Orchester der Folkwang Hochschule unter der Leitung des ebenfalls in Südafrika gebürtigen Dirigenten David de Villiers.

Das gut 40 Minuten lange Stück ist in 5 Teilen konzipiert, wobei diese mit Klavierimprovisationen stilharmonisch verbunden werden. An diesen Stellen setzte sich der Meister selber ans Klavier, während er dem sympathischen Steve Gray in den symphonischen Bereichen das Piano Forte überließ. Die stellenweise sehr harmonische Musik ist schwer in Worte zu fassen. Einerseits verbindet und zitiert Grays Bearbeitung Themen aus Ibrahims schon veröffentlichtem Repertoire, andererseits hört man aber auch modernistische Elemente gleichberechtigt neben Passagen, die lautmalerisch auch von Copland, Sibelius oder Debussy sein könnten, wobei das Jazz-Trio eher rhythmisch untermalend, denn treibend oder forcierend eingesetzt wird. Das Stück klingt mit einer schönen lyrischen Passage aus, die später nach einer Zugabe des Trios, nochmals als Dacapo-Stück gespielt wurde. Für den Komponisten und die Musiker quasi eine Art Friedenbotschaft, welche die Zuhörer mit in die Welt hinausnehmen sollten.

Im ersten Teil des Abends begeisterte der 73-jährige Grimme-Preisträger mit einem Soloprogramm. In einer knapp halbstündigen Klavierimprovisation nahm Ibrahim die Zuhörer mit auf eine Reise, in welcher die unendliche Kraft seiner Inspiration in praktisch jeder Note nicht nur hör-, sondern beinahe fühlbar wurde – wahrlich ein Magier am Klavier. Mit welch großer Genialität und sensibler Empathie seine Mitmusiker reagieren, bewiesen sie im letzten Part. Dabei zeigte Bassist Belden Bullock nicht nur, daß er ein Meister seines Instruments ist, sondern auch, daß er seine unglaublichen


Foto © Sven Lorenz
Free-Jazz-Improvisationen brillant in die jeweilige Grundstimmung seiner Mitspieler zu implementieren imstande ist. Von einer unglaublichen Fragilität und Sensibilität sind die virtuosen Begleitlinien von George Gray am Schlagzeug. Mit zarter Rhythmisierung und Vielfalt agiert Gray und behandelt sein Kompendium an Trommeln und Becken, man möchte fast sagen, wie eine liebenswerte Frau. Es ist nicht die „Dark side of the moon“ eines Nick Mason, manchmal klingt aber der Variantenreichtum des genialen Pink-Floyd-Drummer in Reminiszenzen, zumindest für mich, durch.

Ein hinreißender Abend. Nicht nur Balsam für jede empfindsame Zuhörer-Seele, sondern auch maßstabgebend im Bereich neuer, alter klangvirtuoser Musikwelten. Es schwebte etwas durchaus Mystisches im Raum, das wir zwar alle verstanden, was aber real kaum faß- oder definierbarbar sein dürfte: Mentale Wolken traumverlorener Realität.